Tagebuch eines Bremer Sozialarbeiters

Donnerstag, 15. April 2010

Friedrich Meyer, Bremen- von Peter Müller, Bremerhaven

Am Bahnhof

Am meisten liebte Fritz an Bremen die Böttgerstraße, die Schlachte und den Hafen, auch wenn es hier nur noch den Industriehafen gab. Den Überseehafen hatte man vor Jahren zugeschüttet. Bolte dachte an die schönen Zeiten zurück, als die AG Weser boomte mit den gigantischen Öltankern und als sie Arbeiterdemonstrationen auf die Beine gestellt hatten.
Bolte saß in der Bahnhofspassage und trank seinen Schnaps. Gemächlich rauchte er seine Zigarette und schaute dabei aus dem Fenster, gut dass Berta nicht sehen konnte, dass er schon wieder rauchte, dann gab es ein Donnerwetter.
Ein älterer Mann kam vorbei, er hinkte etwas, und bei genauem Hinsehen sah man, dass seine rechte Hand zitterte. "Hallo Werner", sprach er ihn an und stand auf. Die beiden lachten herzlich.
Fritz Bolte bat seinen Freund an den Tisch. Werner setzte sich etwas schwerfällig und umständlich. "Na, Fritze, wie geht es Dir?" fragte Werner Krüger.
"Ganz gut, mein Bein, Du weißt schon."
Werner bestellte sich auch einen Weinbrand und einen Kaffee.
Die beiden unterhielten sich über ihre gemeinsame Vergangenheit, sprachen über Einsätze für die Partei und wie sie nachts heimlich Plakate geklebt hatten und wie sie manchen Morgen früh im Hafen vor AG Weser und Kocks gestanden und die Betriebszeitung der Partei verteilt hatten.
Fritz Bolte lachte auf seine unnachahmliche Weise und sagte: "Wir hatten eine schöne Zeit, auch wenn wir nicht immer gewonnen haben. Wir haben Fehler gemacht, und wir haben uns in mancher Hinsicht etwas vorgemacht. Aber unsere Sache war gerecht." Nach einer Weile fragte Fritz Bolte den Werner Krüger: "Was macht eigentlich der Meyer, ist der immer noch in Warnemünde und betütelt alte Leute?"
"Nee nee, der Friedrich Meyer ist doch wieder nach Bremen-Schwachhausen gezogen", sagte Werner.
"Und was machen die beiden so?", fragte Fritz Bolte.
"Frag sie doch selbst", meinte Werner Krüger und grinste.
"Wenn man vom Teufel spricht, ist er nicht weit weg", lachte Fritz Bolte und stand auf.
Ganz unbemerkt waren Friedrich und Meta Meyer herangekommen und standen lachend da. Friedrich war tief berührt, als er seine beiden alten Kampfgenossen Werner und Fritz erkannte. Er trat auf Fritze Bolte zu und nahm ihn in den Arm, sie lachten und wollten sich ausschütten. Werner stand auf und gab Friedrich kräftig und herzlich die Hand.
"Werner das ist schön Dich zu sehen, ich dachte schon..." stockte Friedrich.
"Du dachtest wohl, ich liege schon unter der Erde", meinte Werner ironisch.
Sie setzten sich und Werner und Fritz beäugten Meta neugierig, die sie persönlich noch nicht kannten.
"Wo kommt Ihr denn jetzt her", wollte Fritz wissen.
Meta meinte: "Wir wollten meine Mutter vom Bahnhof abholen, aber das hat nicht ganz geklappt."
"Wir hatten uns gerade über Euch unterhalten, Friedrich, wo wohnt Ihr denn jetzt?"
"In der Benquestraße," meinte Meyer.
Und Werner Krüger lachte und schlug sich auf die Knie, "das ist doch bei uns gleich um die Ecke".
Meyer war zurückgekehrt nach Bremen, aber die Zeiten hatten sich geändert. Fast nichts war mher wie vor zwanzig Jahren. Außer, dass er wieder in Schwachhausen wohnte. Meta und er hatten sich ein altes Bremer Haus gekauft. Meta arbeitete bei einem Architekten und verdientes gutes Geld. Friedrich arbeitete wieder im sozialen Bereich.
Arbeit
Als sie wieder in ihrem Haus in der Benquestraße angelangt waren, fand Friedrich eine Mail von seinem Freund in München vor. Er schrieb, dass er Anfang Februar als freier Mitarbeiter in der Redaktion einer Firma anfinge, die Software und entsprechende Literatur für kleine und mittlere Unternehmen herstellte. Konrad sollte an dem Konzept für ein Warenwirtschaftssystem mitarbeiten. Die Firma hatte ihren Sitz in Freiburg, vier Autostunden von München entfernt. Weiter schrieb Konrad, dass der Job für ein Jahr sei und er nur am Wochenende zur Familie fahren könne. Aber ihr finanzielles Überleben sei für ein Jahr gesichert.
Meyers hatten es sich im hinteren Wohnzimmer gemütlich gemacht. Meta erzählte: "Stell Dir vor, Uwe hat einen Job bekommen, er fängt nächste Woche in Hamburg bei der HHLA an. Er soll dort in der Verwaltung einen Organisationsjob übernehmen."
"Das macht mich glücklich, zwei Jahre Arbeitslosigkeit sind genug. Ich wünsche dem Jungen alles Gute", entgegnete Meyer.
Überseestadt
Meyers waren am Sonntag nachmittag bei strahlend blauem Himmel in den Industriehafen gefahren. In der Nähe des Space-Parks hielten sie an. Vor der Getreideanlage der BLG kam Friedrich Meyer aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für ein gigantisches Fabrikgebäude aus rotem Backstein, was für ein mächtiger Eindruck. Das Gebäude war so gewaltig, dass es sich nicht fotografieren ließ. Von hier aus gingen Meyers zu Fuß weiter um das Gebäude herum. Meta war langweilig, weil alles im Schatten lag und sie ohnehin nicht viel Lust auf Hafen und Industriedenkmäler hatte. Friedrich schlich sich an den wohlbekannten Schildern "Unbefugten ist der Zutritt verboten" vorbei und begann an der Kaje des Industriehafens mit seiner digitalen Kamera die alten Industriedenkmäler in Schwarz-Weiß eingefärbt mit rostrot zu fotografieren. Eine imposante Getreideverladeanlage direkt an der Kaje mit Schiffsanschluß faszinierte ihn.
Ein Stück weiter lagen mehrere Binnenschiffe nebeneinander, wie aus alten Zeiten übrig geblieben. Sie fuhren weiter in die Überseestadt, wo man 1991 den alten Europahafen zugeschüttet hatte. Einer der wenigen Zeitzeugen aus der damaligen Zeit: der Speicher XI. Hier waren Meyers bereits vor einigen Jahren mit Freunden im Hafenmuseum gewesen. Heute stand Friedich wieder vor diesem lang gezogenen Speicherhausblock, einem roten steinernen Riesen aus der Vergangenheit, der sich von den Hamburger Speicherhäusern unterschied durch seine Balkonvorsprünge und die grauen Flächen an den Speicherwänden. Eigentlich als Speicherhaus für Tabak und Baumwolle gebaut, hatte dieses Gebäude eine ganz unverwechselbare Architektur und Schönheit.
Friedrich wollte gerne noch mit Meta zusammen einen Cappuchino trinken. Am Anfang des Speichers fanden sie das moderne Cafe, um sich aufzuwärmen. Es hatte ein ganz eigenes Interieur. Sie bestellten sich Kaffee und Wasser und ruhten sich eine Weile aus.
Die Rückfahrt in die Benquestraße ging ganz von selbst.
Als sie vor dem Haus Nr. 7 standen, sagte Friedrich zu seiner Frau:
"Es ist so, wie ich es mir immer gewünscht habe. Im Souterrain liegt die Küche und nach hinten raus befinden sich die Lagerräume. Im Hochparterre haben wir unser großes Wohnzimmer, das von einer Seite zur anderen reicht. Vorne blickt man auf die Straße und hinten kann man aus dem Fenster in unseren kleinen Garten schauen."
Meta fuhr fort: "Im ersten Stock haben wir das zweites Wohnzimmer in zwei Arbeitszimmer geteilt. Vorne habe ich mein Zimmer und du hast nach hinten raus dein Arbeitszimmer. An der Seite ist unser kleines Schlafzimmer."
Friedrich schmunzelte und umarmte sie: "Und ganz oben haben wir Platz für Gäste."
Jason
Später am Abend telefonierte Meyer mit seinem langjährigen amerikanischen Freund Jason in Bremen. Sie hatten sich am kommenden Samstag auf dem Marktplatz zum Sambafestival verabredet. Aber wo sollten sie sich unter den vielen tausenden von Menschen finden?
Meyer hatte ihm am Morgen etwas auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber Jason hatte sich nicht gemeldet. Als Meyer anrief sagte Jason:
"Wir sprechen gerade über Dich."
"Hoffentlich nichts Negatives", meinte Meyer.
"Doch", meinte Jason und lachte.
"Hast Du meine Nachricht auf dem AB abgehört?" fragte Friedrich.
"Wir sprechen grade darüber", meinte Jason.
Meyer meinte, er wolle ihm seine neue Handy-Nummer durchgeben, dann könnten sie sich notfalls telefonisch verständigen.
Jason meinte voller Unverständnis: "Du hast schon wieder eine neue Handy-Nummer? Ich habe hier schon sechs Nummern stehen."
"Dann solltest Du Dir mal ein neues Telefonbuch kaufen", meinte Meyer halb im Scherz und halb im Ernst. Er wollte anfangen seine Nummer durchzugeben als Jason sagte:
"0160..."
"Nein", sagte Meyer, "0172.." Er wurde sofort von Jason unterbrochen. "Ich muss ein Radiergummi holen". Es dauerte eine ganze Weile bis Jason wiederkam. Meyer gab seine Handy-Nummer durch. Er kam bis zur achten Stelle, dann meinte Jason, obwohl er wissen sollte wie lange Handy-Nummern waren "was noch mehr?"
Irgendwann war diese Prozedur erfolgreich überstanden. Danach fragte Friedrich Jason nach dessen aktueller Handy-Nummer. Antwort von Jason: "Die weiß ich nicht, habe grade aufgeladen."
Meyer wollte ihm entgegen kommen und meinte: "Ich rufe Dein Handy an, dann sehen wir".
"Mein Handy ist immer aus", meinte Jason, "wir treffen uns unter den Arkaden des Rathaus".
"O.k.", sagte Meyer und sie beendeten das Telefonat.
Bei Schwiegermutter
Am nächsten Tag war Sonntag. Über Mittag waren sie bei Metas Mutter, Anna Frieda, in Finndorf gewesen. Sie bewohnte dort ein großes Apartment in der Admiralstraße. Auch die anderen Kinder waren zu Besuch gekommen, überraschenderweise sogar Edda und Schorsch. Die brachten immer ein wenig Stimmung in die Bude. Und sie hatten ihren Sohn Gandolf mitgebracht.
Friedrich dachte an Montag und an den nächsten Arbeitstag. Aber ihm wollte nichts Rechtes einfallen zu diesem Tag. Er erwartete keine Klienten, er hatte keine festen Termine und er erwartete keinen Stress. Friedrich wusste, dass er keine Rückstände hatte. Alles lief gut, was er nicht immer hatten sagen können.
Seine neue Stelle als Case Manager bei "Sisyphos" in Osterholz-Tenever gefiel ihm gut. Er hatte nette Kollegen im Team und er konnte selbständig arbeiten. Aber der Abend ging seinem Ende zu und Meyer machte sich ein kaltes Bier auf. Er hatte ein gutes Leben und er war zufrieden. Er war glücklich und zufrieden mit Meta. Sie passten zusammen wie Topf und Deckel.
Der Buddhist
Sein Freund Henner aus Bremen hatte ihm eine Mail geschickt. Er schrieb, dass er sein fünfjähriges Studium der buddhistischen Philosophie in drei Wochen abschließe.
Danach gehe es mit dem zweiten Teil, dem Stufenweg zur Erleuchtung, weiter.
Meyer hatte von Buddhismus keinerlei Ahnung. Er verfolgte seit fünf Jahren den Weg seines Freundes, der sich durch Tonbandkassetten kämpfte und an Seminaren des Tibetischen Zentrums Hamburg teilnahm. Das Vokabular des Buddhismus war Meyer ebenso fremd wie das Theoriensystem.
Es war eine Freundschaft, die schon lange dauerte. Sie telefonierten fast nie. Jahrelang hatten sie sich per Brief über Politik und anderes ausgetauscht, seit einigen Jahren mailten sie.
Henner lebte alleine im Süden Bremens.
Neue Klientin
Auf seiner Arbeitsstelle in Osterholz-Tenever bei "Sisyphos" war es an diesem Tag ruhig gewesen. Nachmittags hatte er einen Hausbesuch gemacht. Das ältere Ehepaar bewohnte ein Einfamilienhaus und der Sohn hatte sich bisher um vieles gekümmert. Aber seine Mutter war schon schwer pflegebedürftig und dement. Der Sohn, ein Herr Schreiner, hatte sich auch um die Geldangelegenheiten seiner Mutter gekümmert. Aber der Vater wollte nicht, dass der Sohn das Konto seiner Frau verwaltet. Hier gab es einen Dissens. Meyer versuchte hier zu vermitteln. An diesem Tag hatte er sich mit dem Sohn alleine getroffen.
Als Friedrich Meyer abends den Weserkurier las, wollte er seinen Augen nicht trauen. Herr Bush wollte weitere 300 Milliarden Dollar in Afghanistan und den Irak investieren. Wie hatte vor ein paar Jahren jemand geschrieben: Der Irak-Krieg ist der Anfang des Niedergangs der Supermacht USA. Und die USA sanken immer tiefer in diesen Sumpf.
Eiderstedt
Meyers wussten nun, dass sie im Mai eine Woche in Schleswig-Holstein Urlaub machen würden und im Juli für ein paar Tage nach Prag fahren würden. Das war etwas worauf sich Friedrich freuen konnte. Und bald würden die Tage wieder länger und wärmer werden und Meyer konnte wieder im Bürgerpark laufen, und wenn es sein musste auch noch weiter oben im Stadtwald vielleicht entlang dem Unisee. Es gab Hoffnung auf Sport und Bewegung draußen im Wald nach der Arbeit.
Meyers Arbeit lief zur Zeit erstaunlich ruhig. Es gab keine Kriseninterventionen, keine unangenehmen Hausbesuche und es lief alles ganz wie von selbst. Von Zwangsunterbringungen wollte er gar nicht reden. Am Donnerstag hatte er alle sämtliche Berichte für die senatorische Stelle geschrieben. Und er war froh für diesen Monat seine Ruhe damit zu haben.
In Prag
Am Abend trieb sich Meyer zu Fuß mit Meta in Prag herum. Er schaute sich die berühmte Karlsbrücke und den alten jüdischen Friedhof an und informierte sich über das Nebeneinander und Sammelsurium von Baustilen neben und übereinander. Er war auf der Suche nach dem schwindsüchtigen Kafka, der in seinem Leben so unbedeutend und farblos gewesen war, eben nur ein Subalterner, der sich in die Welt der Fantasie geflüchtet hatte. Auch auf dem alten jüdischen Friedhof beobachtet man Friedrich Meyer, wie er dort herum krabbelte und sich fragte, ob die Toten wirklich bis zu neun Lagen übereinander lagen, war beeindruckt wie dicht die Grabsteine nebeneinander standen und suchte Kafka.
Meyer hatte sich einen Reiseführer gegriffen und dort hatte er gelesen, warum Prag dieses einmalige Ensemble von verschiedenen Baustilen ausmachte. Ein Mann musste jeden Tag den gleichen Weg zu Fuß zur Arbeit gehen und jeden Tag entdeckte er etwas Neues auf seinem Weg , so vielfältig und dicht war dort nebeneinander und übereinander gebaut worden. Wenn in einer Straße restauriert werden sollte, fragten sich die Architekten, ob man die ganze Straße einheitlich restaurierte oder aber jedes Haus einzeln, weil jedes Haus einer anderen Epoche angehörte und man nicht wusste, wem man es Recht machen sollte. In Prag waren verschiede Kulturen und Religionen zusammengekommen. Am meisten freute sich Meyer auf die Karlsbrücke. Er träumte davon, auf der Karlsbrücke zu stehen und diesen bestimmen Blick auf die Donau mit mehreren Brücke hintereinander zu genießen und zu fotografieren. Und Meyer freute sich auf die Altstadt mit ihren historischen und ungewöhnlich schönen alten Bauten. Eine richtige Fotosession würde er machen. Vor seinem Auge entstanden schon die ersten Fantasien.
Bremer Karneval
Der Winter war zurückgekommen. Warum machen die Karneval im Winter, fragte jemand, und er selbst antwortete: es wird irgendeinen religösen Grund dafür geben.
Als Friedrich und Meta Meyer mit Rollo, Tenner und Swenja auf dem Marktplatz ankamen war dort schon die Hölle los. Es wurde getrommelt was das Zeugs hielt. "Gegen den Abbau der Trommellosigkeit" stand auf einem Transparent und das traf die Sache auf den Kern. Meyer suchte das Getümmel, schöne Kostüme und den Rhythmus der Sambatrommeln. Meyer hatte seine Kamera im Anschlag und brachte es in 90 Minuten auf kalte Füße und 600 Fotos. Aber er war bewegt durch und durch und das Wasser stand in seinen Augen vor Freude.
Meyer war bereit, seine Mutter, seine Kameras und sein Handy zu verkaufen, um mittrommeln zu dürfen. Er stand da und klatschte mit den anderen zusammen, bewegte sich und tanzte und hatte mit allen zusammen Spaß und Freude. Meyer hätte bis auf seine Meta alles gegeben und verkauft um auch trommeln zu dürfen. Er war neidisch auf die Trommler. Am liebsten hätte er jemanden von denen angefasst und gesagt: "Hey, lass mich mal trommeln".
Vom Marktplatz bewegten sich die Tänzer und Sambatrommler Richtung Steintor. Etwas später tauchte Jason ohne Hanna auf. So standen sie mit mit mehreren Leuten am Rande des Umzugs. Meyer kam mit einer Frau aus Bremen ins Gespräch, die auch zu einer Sambagruppe gehörte und ihn einlud, Dienstag abends in einer Schule mitzutrommeln. Ja, dachte Meyer, trommeln das wärs doch, dafür würde ich fast alles geben.
Als Meta und er wieder Zuhause waren, rief er ein Mitglied dieser Sambagruppe an und fragte, ob er dort ab übernächste Woche zusammen mit seinem Schwager mittrommeln könne. Sie sagte zu, er werde per Mail eine Einladung mit einer genauen Wegbeschreibung bekommen.
Eine ältere Dame
Wochenende. Das Wochenende ging zu Ende. Am Sonntag war das Wetter denkbar schlecht gewesen mit Kälte, Wind, Schnee und Regen. Die Norddeutschen nannten dies Wetter "Schietweer". Als Friedrich Meyer am Morgen auf die Benquestraße trat, wäre er fast auf dem eisglatten Bürgersteig ausgerutscht. Erschrocken war er nicht wegen der Eisglätte, sondern auch, weil auf seiner Straßenseite eine ältere Frau ihm entgegen kam, die er kannte aus alten Zeiten. Sie hatte immer noch ihre grauen Haare und diesen stolzen Blick. Sie hatte immer noch ihren grauschwarzen dicken Mantel an und lachte köstlich. Sie war es, sie lachte und steckte ihn mit ihrem Lachen an. Sie kam auf ihn zu und dabei lachte sie herzlich und umwerfend. Friedrich hatte sie erkannt. Er ging ihr ein paar Schritte entgegen und man spürte wie er sie bewunderte. Sie sah ihn streng an und meinte: "Na, Friedrich wo biste denn abgeblieben an dem Morgen als wir Einsatz im Maizelt hatten? Wir haben auf Dich gewartet."
Dumpf erinnerte sich Friedrich daran, dass er kurz vor seinem Wegzug nach Warnemünde den Dienst im Maizelt geschwänzt hatte. Nun hatte sie ihn wieder am Arsch.
Ohne weiter auf ihren Vorwurf einzugehen meinte Friedrich zu der älteren Frau: "Du siehst gut aus wie immer. Ich freue mich riesig, Dich zu sehen. Sei nicht so streng mit mir."
"Ach", baffte sie los, "was ihr jungen Leute immer habt, ein bisschen Strenge tut euch ganz gut. Uns ist auch nichts geschenkt worden."
Friedrich beobachtete seine alte Freundin, sie war kaum älter geworden und immer noch dieses schlagfertige Energiebündel.
"Und bist Du noch politisch aktiv?", fragte Friedrich die ältere Frau.
Sie schmunzelte und meinte: "Man tut, was man kann. Ich bin fast fünfundneunzig. Aber ich besuche noch Parteiversammlungen, aber es hat sich doch alles sehr verändert. Hin und wieder treffe ich Margot oder Herbert, aber sonst ist es bei uns ruhiger geworden."
Meyer hatte in den Ende der 70er Jahre bei ihr im Haus gewohnt mit seiner Freundin zusammen und auf die Art hatte er ab und zu auch persönlich etwas mit ihr zu tun gehabt. Er hatte mitbekommen wie sie Tag für Tag morgens auf ihrer Couch im Wohnzimmer lag und ihren Lenin las von Band 1 bis Band 40. Zur Abwechslung gab es hin und wieder Bach. Sie liebte die Matthäus-Passion. Vor allen Dingen aber war sie eigenwillig, scharfkantig, sprach auf Versammlungen dazwischen und mischte sich ein. Oh, sie konnte böse werden.
Kennengelernt hatte er die Frau in den 70er Jahren in der Nähe von Rostock. Sie waren mit einer Delegation des DGB in der DDR gewesen. Und hatten dort an einer Ostsee-Konferenz teilgenommen. Dort tauchte an einem Tisch diese Frau aus Bremen auf, die ihn einlud, sie doch mal in Bremen zu besuchen.
Friedrich Meyer wußte über diese Frau, dass sie vor 1933 einen Buchladen gehabt hatte. Die Nazis hatten ihren ersten Mann weggeholt und der hatte dem Druck nicht standgehalten. Sie hatte sich später von ihm getrennt. Friedrich wußte nur, dass sie in den 50er Jahren für ihre Partei in der Bremer Bürgerschaft gesessen hatte zusammen mit Willi Meyer-Buer. Dann wurde ihre Partei verboten. Aber sie machte weiter. Sie hatte als Erzieherin gearbeitet.
"Wie geht es Dir gesundheitlich?", fragte Friedrich.
"Ach, Unkraut vergeht nicht. Meine Augen sind nicht mehr die besten. Aber sonst will ich nicht klagen. Man muss sich zusammenreißen". Sprachs, gab ihm die Hand und ging an ihrem Stock weiter Richtung Zuhause.
Friedrich Meyer sah ihr nach, wie sie mit ihrem Stock kerzengerade übers Glatteis nach Hause ging. Mensch Maria, sagte er leise, sei vorsichtig. In dem Augenblick rutschte er endgültig aus und fiel hart mit dem Hintern aufs Eis.
Umoja
Am Samstag Nachmittag gingen Wrangler und Lewis ins "Bremer Musicaltheater" um die afrikanische Show "Umoja" zu sehen. Lewis mochte dieses Theater mit seinen roten Stühlen und den schwarzen Wänden. Und als es endlich losging, war er sofort vom Rhythmus der gewaltigen Trommeln ergriffen, die ihn in Bewegung brachten, er schaukelte auf seinem Sitz hin und her und schlug mit den Füßen zum Takt auf den Boden. Auch die Kostüme der Afrikaner mit den leuchtenden und klaren Farben beeindruckten ihn. Sie hatten vierzig Tänzer und Tänzerinnen auf der Bühne. Die jungen Tänzerinnen waren farbige Afrikanerinnen, jung und fruchtbar, und mit kräftigen Oberschenkeln und runden Hintern. Sie bewegten sich erotisch und rhythmisch, und hatten schöne Stimmen, die Friedrich in den Himmel der Musik brachten. Sie stellten die musikalische Geschichte Südafrikas dar aus der Sicht der Schwarzen. Es gab unter den Trommlern, Sängern und Tänzern nicht einen Weißen. Meyer fragte sich, ob das nicht auch eine Form von Rassismus war, wenn das Umoja-Team die Weißen ausgrenzte. Sicherlich sie hatten ihre eigene Geschichte. Die Geschichte ihrer Unterdrückung und ihres Kampfes. Kein Wort über den ANC und Nelson Mandela.
Lewis mochte die Show, die Musik und die Tänze, aber es ging ihm nicht wirklich unter die Haut. Es fehlten langsame und traurige Stücke.
In Stade
Am Morgen hatten sie auf Radio Bremen 1 Sonne und Temperaturen bis 10°C angesagt, und Friedrich und Meta Meyer beschlossen am Nachmittag nach Stade zu fahren um dort zu bummeln. Nach dem gemütlichen Mittagsschlaf machten sie sich auf und fuhren über das Land. Es war wolkig und diesig geworden, aber Friedrich hoffte trotz des etwas entmutigenden Wetters, am Kanal und in der Altstadt schöne Fotos machen zu können. Sie parkten ihren BMW am Stadeum und stiegen aus. Ein kalter Wind empfing sie. Gut, dass sie sich dick und warm angezogen hatten. Bald darauf tauchten sie in die Altstadt ein. Friedrich hatte die kleine Kamera in der Jackentasche und seinen Fotoblick eingeschaltet. Erst unter dem suchenden Fotografenblick fielen ihm zum ersten Mal die vielen schönen mittelalterlichen Häuser in der dieser Stadt auf. Ganz besonders fotogen allerdings fand er den Kanal, der zum Hafen runterlief. Hier kehrten sie bei einem Italiener namens Alex ein. Hunderte von brennenden Lampen hingen der Decke. Sie bestellten sich einen Cappuchino, einen Expresso, ein Mineralwasser und ein Stück Kuchen. Danach ging es gestärkt weiter am Kanal entlang mit Blick auf die schönsten alten Häuser Stades.
Der Trommler
Aller Anfang ist schwer. An diesem Abend besuchte Friedrich Meyer zusammen mit seinem Schwager Rollo eine Sambagruppe in Findorf. Es gab nette Leute in der Gruppe. Und sie lachten viel und gerne. Einige schienen sich schon eine ganze Weile zu kennen. Es waren Gäste von auswärts da. Lewis und Rollo waren die Neuen, die noch keine Ahnung hatten und noch nie eine Trommel in der Hand gehabt hatten. Wenn Lewis die Augen schloss hörte er die brasilianischen Rhythmen und war begeistert. Lewis wurde eine Timba umgehängt und Gudrun zeigte ihm einen Rhythmus den man mit beiden Händen schlagen musste. Versuch mal. Leicht gesagt. Nein, so. Bin ich doof? Vorne stand die Dirigentin, die sich bereit erklärt hatte, es am Abend mal mit dem Dirigieren zu versuchen. Sie gab die Kommandos, die Rhythmen vor. Die Spieler verständigten sich und es klang in Lewis Ohren wie Chinesisch. "Wir fangen mit der 1 an", hieß es und fragte sich was die 1 war. Vielleicht ein Rhythmus, vielleicht auch der Bahnsteig.
Lewis hatte sich seine Timba umgehängt, das Instrument, dass er auf dem Marktplatz am meisten gemocht hatte. Hier nun war es ihm fremd, er sollte sich die Schulterriemen nicht um den Bauch, sondern über die linke Schulter hängen, was er auch tat.
Nach einer Weile gab Gudrun, die Frau, die er auf dem Bremer Karneval kennengelernt hatte, ihm ein anderes Instrument, einen Shaker, mit dem er wie beim Bodybuildung versuchte Schüttelbewegung zu machen. Ran und weg, ran und weg. Irgendwann meinte Rolf, der Caixa-Spieler, er würde sich verausgaben. Er lobte Lewis, weil er sich gut bewegte und den Eindruck machte, dass es ihn bewegte. Rolf zeigte ihm nochmal wie man den Shaker richtig bedient. Bis Rolf schließlich ihm seine Caixa gab, ein Schlaginstrument an dem Lewis fast verzweifelt wäre... weil der Rhythmus war nun wieder ein anderer als bei der Timba.
Während der zwei Stunden veranstaltete die Gruppe von vielleicht 15 Leuten einen Höllenlärm, der sich aber in Lewis Ohren gut und schön anhörte.
Am nächsten Morgen. Nun war er dort gewesen in der Sambagruppe, aber er konnte nicht sagen, ob er weiter machen würde, ob es sein Ding sein würde. Musste er auch gar nicht. Lewis freute sich, dass es heute ruhiger zugehen würde als am Vortag. Es war spät geworden am Abend vorher, das kannte er gar nicht mehr. Aber er war unter Leute gegangen zusammen mit Rollo.
Samba, Caixa, Shaker und Trommeln.
Lewis hatte den Eindruck, dass viele Sambaspieler Lehrer waren, aber lustig.
Brüllers
Meyer hatte seit kurzem ein Ehepaar zu betreuen. Frau Brüller befand sich bereits seit gut vier Jahren in einem Altenpflegeheim in der Kulenkampfallee. Sie saß nach einem Schlaganfall im Rollstuhl und war fast taub. Der Mann wohnte immer noch in der alten gemeinsamen Wohnung alleine zwischen Puppen und allerlei Figuren in der Brinkstraße in Walle. Vor ein paar Wochen hatte Meyer Frau Brüller in dem genannten Heim besucht und die Pflegerinnen hatten ihm berichtet, dass sie immer wieder nach ihrem Mann fragte.
Herr Brüller hatte seine Frau in den viereinhalb Jahren nicht einmal besucht. Meyer konnte das verstehen, weil Herr Brüller mit seinem alkoholbedingten Hirnabbau Probleme hatte sich in der Stadt zurecht zu finden, oder wieder nach Hause zu finden.
Meyer war von seinem Vorgänger im "Sysiphos" berichtet worden, dass Brüllers früher eine glückliche Ehe geführt hatten.
Meyer hatte Herrn Brüller gefragt, ob sie mal zusammen seine Frau im Pflegeheim besuchen wollten. Ja, das wolle er. An diesem Nachmittag holte Meyer Herrn Brüller in seiner Wohnung ab. Brüller sah aus wie eine Mischung aus Stadtindianer und einem verwahrlosten Wessi.
Brüller war alt geworden und grau. Als sie in der Kulenkampfallee ankamen, hatten die netten Pflegerinnen Frau Brüller schon schön gemacht und in einen Rollstuhl gesetzt. Dort saß sie nun und blickte die beiden Männer an. Meyer nahm sie kaum wahr. Sie guckte ihren Mann an, den sie so lange nicht gesehen hatte. Herr Brüller ging auf seine Frau zu, neigte sich zu ihr in den Rollstuhl hinab, und streichelte immer wieder zärtlich ihre Wange. Es war ein Augenblick der Rührung. Meyer spürte seine Tränen und auch die umherstehenden Pflegerinnen waren bewegt. Die Pflegerinnen verschwanden unauffällig. Nur Friedrich als betreuender Case-Manager stand noch herum und überlegte, wie er sich weiter verhalten sollte. Die Pflegerinnen hatten Kaffee und Kuchen gedeckt und er setzten sich zu den beiden. Herr Brüller kniete vor seiner Frau nieder und streichelte ihre Knie und sprach mit ihr. Was Frau Brüller sagte, konnten weder Brüller noch Meyer verstehen und auch sie konnte kaum mit ihrer Taubheit verstehen, was Herr Brüller und Herr Meyer sagten.
Herr Meyer schenkte Kaffee ein und reichte Frau Brüller ihre Tasse.
Nach einer Weile sagte sie zu ihrem Mann: "Der Ring an Deiner Hand ist der von Deiner neuen Frau?".
"Nein", sagte er, "ich habe keine neue Frau".
Meyer merkte, dass Frau Brüller ihren Mann nicht verstanden hatte. Er wußte, dass Brüller die Wahrheit sagte, und schrie Frau Brüller ins Ohr: "Ihr Mann hat keine neue Frau!"
Nach einer Weile sagte Frau Brüller zu ihrem Mann: "Und wohnt jetzt eine andere Frau bei Dir?"
Und ihr Mann verneinte wieder. Aber sie hatte auch dies akustisch nicht verstanden und Meyer schrie ihr wieder ins Ohr:
"Bei ihrem Mann wohnt keine andere Frau."
Nach einer Weile sagte Herr Brüller zu seiner Frau: "Ich will in diesem Leben keine andere Frau mehr." Meyer übersetzte auch diesen Satz und danach hatte er einen Dammbruch an Tränen. Meyer ließ die beiden für eine Weile alleine und ging nach draußen.
Auf der Rückfahrt erzählte Herr Brüller von seinen Schiffsreisen als Seemann nach Südamerika, zum Nordkap und nach Asien.
Meyers Vorgänger, Dieter Tanner, hatte Frau Brüller schon seit 1994 betreut. Als Tanner Frau Brüller kennenlernte, weil sie dem Sozialen Dienst aufgefallen war, war sie völlig blind und fast taub gewesen. Der Grund für seinen damaligen Hausbesuch aber war etwas ganz anderes gewesen. Herr Brüller hatte sich beschwert, dass seine Frau seit Wochen nicht mehr mit ihm redet und völlig verrückt war. Als Tanner dort ankam um die Frau ins Krankenhaus zu bringen, wußte er nicht wie er es ihr sagen sollte.
Schließlich standen Tanner und Frau Brüller sich im Wohnzimmer Kopf an Kopf und Nase an Nase gegenüber. Frau Brüller konnte den Sozialarbeiter weder sehen noch hören, noch konnte sie ihn aufgrund ihrer Psychose verstehen.
Tanner schrie nach Leibeskräften unmittelbar vor ihrem Gesicht seine Nase nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt:
"Frau Brüller, Sie müssen ins Krankenhaus!"
Frau Brüller schrie mit der gleichen Lautstärke zurück:
"Ich gehe nicht ins Krankenhaus!"
Schließlich brachte Taner sie per Zwangsweisung in die Psychiatrie. Jahre später als ihre Augen operierten worden waren, und es ihr besser ging, sah sie Tanner zum ersten Mal mit ihren eigenen Augen und meinte lachend:
"Ach so sehen Sie aus!"
Der Eisenbahner
Friedrich Meyer hatte den Eisenbahner besucht, und der hatte dann irgendwann angefangen zu erzählen. Dass seine Frau nach dem Krieg im Fischereihafen gearbeitet hatte und dass sie die Generation waren, die während des Krieges ihre Jugend verloren hatte. Seine Frau konnte keine Ausbildung machen, obwohl ihr Vater sie als intelligent gelobt hatte. Den Eisenbahner hatte man mit 16 Jahren zur Arbeitsfront eingezogen. Danach wurde er , zusammen mit anderen Jugendlichen nach Dänemark verlegt und zwar nur wenige Tage vor Kriegsende. Weiter ging es nach Rendsburg wo sie eine Brücke verteidigen sollten. Bis die Briten kamen. Meyer saß da und hörte sich alles an. Er begann von seinen Vater zu erzählen, der mit 18 Jahren bei der Waffen-SS gewesen war und in Rußland von einer Granate getroffen wurde.
Der Eisenbahner und seine Frau hatten zusammen ein Haus gebaut in Walle. Aber im Alter war seine Frau dement geworden und schwer pflegebedürftig. Zeitweise erkannte sie ihren Mann gar nicht mehr. Einmal hatte sie die Enkelin angerufen und sie gebeten den fremden Mann aus dem Haus zu schmeißen.
Trotz alledem machte der Eisenbahner einen zufriedenen Eindruck und Meyer mochte den alten bescheidenen Mann. Der hatte an keiner Revolutionen teilgenommen, hatte nicht im Widerstand gestanden, war nicht Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen und hatte sicherlich auch nicht nachts heimlich Parolen an die Wände gemalt. Der Eisenbahner beeindruckte ihn durch seine freundliche und bescheidene Art.
Prioritoten.
Ein schöner Versprecher.
Meyer stand beim Getränkemarkt in der Schlange und der Mann vor ihm hatte zwölf leere Kisten Haake-Beck auf dem Wagen. Der Mann sah ein bißchen aus wie ein Bauarbeiter. Er hatte schwere Arbeitsschuhe an, eine Outdoorhose und sah am Kopf leicht verwahrlost aus. Meyer fragte sich, wie der Mann wohl die 12 Kisten Haake-Beck geleert hatte. Hatte er die mit seinen Kollegen auf dem Bau ausgesoffen, oder aber heimlich Zuhause vor Einsamkeit und Langeweile?. Waren diese Kisten in einer Woche ausgetrunken worden? 12 Kisten pro Woche, das machte 30 Flaschen Bier pro Tag. Einer seiner Klienten trank 5-6 Liter Bier pro Tag. Das entsprach 18 kleinen Flaschen Bier. Dies hier müsste die doppelte Portion sein.
Dieser Mann hatte offensichtlich auch seine Prioritoten gesetzt.
Zuhause
Die Woche war lange vorbei. Und der Samstag war für Meta und Friedrich ein ruhiger Pflichttag geworden. Morgens war Friedrich erst im Getränkemarkt gewesen, hatte dann den BMW bei der Tankstelle gewaschen und gegen Mittag waren sie nach Findorf zu seiner Schwiegermutter gefahren. Dort gab es zu Mittag in der großen Runde mit Rollo, Tenner, Mia, Edda und Gandolf Labskaus mit Spiegelei, Rote Beete und Rollmops zu essen. Ein Essen, das Meyer in der gemütlichen Runde gut schmeckte. Nach dem Essen wollten die Kinder bei Mia etwas aufräumen. Meyer nahm die Gelegenheit beim Schopf mit seiner Schwiegermutter nach Bremerhaven zu fahren und dort Räucherfisch zu kaufen. Sie gingen ein wenig am Schaufenster Fischereihafen entlang spazieren, schauten sich den Seitenfänger "Gera" und das "Kartoffelschiff" an.
Als gestandener und überzeugter Bremer hatte Meyer nicht viel für die Schwesterstadt Bremerhaven übrig. Das war etwas was am Rande seiner Wahrnehmung irgendwo dahinten existierte. Eine graue und langweilige Arbeiter- und Hafenstadt. Allerdings musste er einräumen, dass sich dort einiges tat, was ihn beeindruckte. Das hatte schon mit dem Deutschen Auswandererhaus angefangen und nun waren sie dabei am Alten und Neuen Hafen ein Tourismusprojekt aus dem Boden zu stampfen, was seines gleichen suchte. In Bremerhaven wurde Klimaforschung schon lange durch das AWI groß geschrieben, jetzt sollte dort ein Klimahaus entstehen, gleich am Alten Hafen und daneben ein gigantisches Hotel mit 100 Meter Höhe, sozusagen als neues Wahrzeichen. Meyer hatte es schon mit Schiffen, er hatte die Entwicklung der Lloydwerft als auch der alte Seebeckwerft verfolgt, aber was war das alles gegen die schönen alten Traditionsschiffe am Neuen Hafen. Die Seestadt hatte im Neuen Hafen die Kajen sanieren lassen, eine Sportbootschleuse mit Zugang zur Weser bauen lassen, so dass Segler von überall hier schnell im Neuen Hafen anlegen und übernachten konnten. Selbst die Bremerhavener waren von ihrem Neuen Hafen begeistert.
Ab und zu waren Meta und Friedrich nach Bremerhaven gefahren, um sich im Kaiserhafen Schiffe anzuschauen. Das war aber nun fast vorbei, weil sie auf Druck der Amis alle Kajen mit Zäunen gesichert und gesperrt hatten.
Wie gesagt, Bremerhaven war für ihn eine kleine verspießerte Hafenstadt in der nix los war. Aber in letzter Zeit horchte er manchmal auf, wenn er hörte, dass man dort viele wissenschaftliche Einrichtungen geschaffen hatte, die wie die Hochschule Bremerhaven einen guten Ruf und gute Kontakte hatte. Im Bereich Entwicklung von Windenergie-Mühlen war Bremerhaven weltweit führend.
Bremerhaven, das Armenhaus der Republik, mit fast 20% Arbeitslosen. Man mußte sich als Bremer fast schämen. Andererseits Bremerhaven war immer nur Kolonie gewesen, also?
Aber was sich dort tat zum Beispiel im Bereich der Restauration von alten Tradionsseglern, das war schon von vielen Städten nachgebaut worden, auch von Bremen. Nur nicht so toll.
Ganz blöd waren die Fischköppe in Bremerhaven nicht.
Dann fing es leider an zu regnen und sie entschlossen sich Meyers Eltern zu besuchen. Meyers Eltern freute sich über den Besuch und es gab einiges zu bekakeln.
Gegen Abend bekamen Meyers in ihrem Haus in der Benquestraße Besuch von Gandolf und Edda. Gandolf sollte einen neuen Router von der Telekom installieren, damit sie ihre Geschwindigkeit von 2000 M/bit auf 6000 Mbit erhöhen konnten, aber das alles gestaltet sich nicht so einfach.
Irgendwann am Abend lief Meyers PC. Am nächsten Tag wollte die Telekom ihre 6000er Geschwindigkeit freischalten. Meyers war gespannt.
Meta und Friedrich setzten sich in ihr Esszimmer und aßen wie die Feinschmecker Forelle und schwarzen Heilbutt mit Schwarzbrot. Dazu gab es ein kühles Jever Pils.
Als Friedrich Meyer abends später in seinem Arbeitszimmer alleine war, holte er das Geschenk von Rollo heraus. Sein Schwager hatte ihm Mittags einen Wandkalender von der Seeberufsgenossenschaft für das Jahr 2007 mit dem Titel "Spezialschiffe und Sonderbauten" geschenkt. Auf der Frontseite sah man das Katapultschiff "Westfalen", das ursprünglich für den Norddeutschen Lloyd gebaut worden. 1933 wurde die "Westfalen zum Katapultschiff umgebaut, um vom Schiff aus schneller per Flugzeug die Post zu befördern.
Friedrich freute sich über das Geschenk von Rollo und sagte ihm das auch laut.
Für Meyer war das ein Zeichen.
Einige Schiffe kannte er. Zum Beispiel auf dem Kalenderblatt März wurde der Hochseeschlepper "Titan", ein Hochsee- und Bergungsschlepper der Bugsier Reederei gezeigt. Das Schwesterschiff, die "Oceanic" wurde auf der Schichauwerft in Bremerhaven gebaut und war bis bis im Einsatz.
Im Monat Juni zeigte das Kalenderblatt den Schwimmkran "Enak" im Einsatz zusammen mit dem Schwimmkran "Roland" in Wismar. Meyer hatte bei seinen Ausflügen nach Bremerhaven manches Mal den gigantischen Schwimmkran im Einsatz beobachtet.
Das Geodreieck
Es war schon später am Abend als Friedrich Meyer sein Geodreieick auf dem Schreibtisch suchte. Es war seine letzte und einzige Erinnerung an seine Schiffbauerlehre bei der AG Weser in Bremen. Meyer hatte in den 60er Jahren eine Schiffbauerlehre absolviert. Er erinnerte sich an an die Lehrwerkstatt mit wochenlangen mechanischen Feilübungen. Meyer hatte irgendwann spät gemerkt, dass das nicht sein Ding war und hatte den Beruf gewechselt. Nichts desto Trotz hatte das bei ihm sein Verhältnis zu Schiffen geprägt.
Meyer konnte sich von diesem über vierzig Jahre alten Geodreieck nicht trennen, ebenso wenig wie von einem Barometer, dass ihm die Eltern einer früheren Freundin geschenkt hatten. Immer, wenn er Taschengeld brauchte, suchte er in einer Geldkassette und sein Blick fiel auf sein altes Parteiabzeichen. Es hatte eigentlich keine Bedeutung mehr, aber es erinnerte ihn an eine Zeit als er sich als Kommunist definiert hatte, und das war eben ein Teil seines Lebens gewesen.
Alptraum
Irgendwann einmal in der Vergangenheit hatte Meyer einen dicken Schinken von Sartre und das "Prinzip Hoffnung" gelesen von Ernst Bloch, heute glaubte er, dass ihm das das Recht gab zu behaupten, es gäbe gar keine Zeit. Er hatte beschlossen, dass ab sofort für ihn keine Zeit mehr gab. Er setzte sie außer Kraft.

Zeitlos schwebte Meyerchen nun im schwerelosen Raum umher, er hatte nicht nur die Zeit aufgehoben, sondern auch die Schwerelosigkeit.
Dann erinnerte er sich an die Mittagszeit. Meyer hatte sich nach der Arbeit und dem gemeinsamen Essen mit Meta und Gandolf hingelegt, als plötzlich sein Handy klingelte begann der Alptraum. Pfarrer Braun klopfte an die Tür. Als er ran ging, war das Telefonat beendet. Er rief seine Mailbox an und hörte die Stimme seiner Kollegin Babylieb, die ihm mitteilte, dass Teddy angerufen und mit Selbstmord gedroht hatte. Meyer möge ihn sofort anrufen.
Meyer rief Teddy an und fragte was los sei. Teddy sagte: Ich bringe mich um oder ich bringe jemanden um. Meine Freundin will unser Kind abtreiben lassen.
Friedrich Meyer sagte zu ihm: Ich schlage vor, ich rufe die Polizei und die bringen sie ins Krankenhaus. Teddy Rotschopf war einverstanden.
Als die Meyer bei der Polizeiwache Osterholz-Tenever anrief, bestand der Polizist darauf, dass Meyer als Case-Manager auch an Ort und Stelle war. O.K. sagte Meyer und sah seinen Hausbesuch bei Danny davon schweben. Als Meyer in der Otto-Brenner-Allee ankam, stand schon der Kombiwagen der Polizei dort. Sie gingen nach oben und auf Meyers Rufen öffnete Teddy. Er hatte Heroin gespritzt und trank Alkohol und sah verheerend aus. Meyer sagte ihm, dass sie nun ins Krankenhaus fahren würden, und fragte wie es teddy ging, der begann von seiner Freundin an zu reden, wurde unruhig und rannte an den Polizisten vorbei in die Küche. In der Zwischenzeit waren noch zwei Polizisten auf dem Flur eingetroffen. Teddy brüstete sich damit, dass er in der vergangenen Woche eine Prügelei mit einem zivilen Polizisten gehabt hatte. Danny erzählte er habe schon im Knast gesessen und 80 Kg abgenommen.
Die Polizisten waren alle große Schränke und der eine fuhr Friedrich Meyer an: Kein Wort mehr über diese Freundin, wir müssen das ausbaden.
Irgendwann gingen 4 Polizisten, Rotschopf und Meyer nach unten. Dort warteten zwei weitere Polizisten. Ein Konvoi von einem Rettungswagen, zwei Polizeiwagen und Meyers MWB setzte sich Richtung Psychiatrie in Bewegung.
Meyer hatte in der Zwischenzeit mit der diensthabenden Psychiaterin telefoniert und sie kurz über selbst- und fremdgefährdende Äußerungen von Teddy informiert.
In der Notaufnahme angekommen, konnte sich Meyer fast normal mit Teddy unterhalten, er wußte aber auch, dass Teddy gefährlich war in einer solchen Situation, explosiv, zu Körperverletzungen neigend. Nicht umsonst hatte Teddy schon im Knast gesessen. Es war immer wieder zu Schlägereien und Körperverletzungen unter Alkoholeinfluss gekommen.
Die Psychiaterin Frau Dr. Lachmund wollte ihn auf die geschlossene Station einweisen, aber Teddy streikte und rannte Richtung Ausgang. 6 Polizisten reagierten. Hey bleib locker, rauch erst mal eine, trink gleich einen Kaffee, mach keinen Stress, sechs gegen einen das geht schlecht aus. Meyer versuchte Teddy zu beruhigen.
Irgendwann marschierten Frau Dr. Lachmund, sechs Polizisten, Teddy und Meyer auf die Geschlossene.
Nach dem Krankenhaus besuchte Meyer noch Danny um ihm Geld zu bringen. Als Friedrich Meyer nach Hause kam, hatte er das Gefühl einen Alptraum erlebte zu haben.
Wenn er es genau betrachtete, hatte er am Vortag auch schon eine Mischung aus Theater und Alptraum erlebt.
Meyer war morgens aufgewacht gegen 4 Uhr und hatte ängstlich daran gedacht, wie er am Nachmittag einen russlanddeutschen Hardcore-Trinker dazu bringen sollte, mit der Verlegung aus einem Altenpflegeheim in der Nähe von Bremen, weg von seiner Familie und weg vom Alkohol einverstanden zu sein. Meyer wußte: der Tischler wollte nur eins: eine Wohnung und Wodka saufen bis zum Umfallen, möglichst 3 Liter am Tag.
Als Meyer am Nachmittag dort im Heim in Ganderkesa ankam, war auch schon ein Polizist da, der eine Anzeige wegen Körperverletzung gegen den Tischler aufnahm. Der Tischler wirkte bedrückt. Gut, dachte Meyer, Akt 1 der Theateraufführung. Danach erzählte er dem Tischler, dass er am Morgen beim Gericht einen Antrag gestellt habe, ihn Tischler für 5 Jahre in einer Landesklinik geschlossen unterzubringen. Begründung: Bedroht im besofffenen Kopf Bewohner und Personal.
Der Tischler ging schockiert aus dem Raum.
Meyer bat die Heimleiterin zu vermitteln. Eine Viertelstunde später stellte Meyer dem Tischler den Heimleiter der neuen Einrichtung, Herrn Borstenhaar, kurz vor Hamburg vor. Der Tischler war erleichtert und schöpfte Hoffnung. Borstenhaar und Tischler vereinbarten eine Besichtigung im neuen Heim.
Meyer war optimistisch, dass er den Tischler problemlos würde verlegen können. Was der Tischler nicht wußte, war, dass Meyer tatsächlich beim Gericht einen Antrag auf geschlossene Unterbringung gestellt hatte, allerdings für das neue Heim kurz vor Hamburg.
Die nette Ärztin
Friedrich Meyer war am Morgen bei seiner Ärztin Frau Dr. Schrötter gewesen. Wieder einmal war er von ihr angetan, von ihrer freundlichen und gütigen Art. Sie war nicht nur jung, sondern auch sympatisch und total nett. Saß da und hörte zu, nahm sich Zeit. Ihre Nähe wurde ihm irgendwann schon unangenehm. Als sie da saß und ihn anschaute und wartete, ob er noch etwas zu sagen hatte. Später fiel ihm ein, dass er ihr gerne gesagt hätte, wie total nett und sympathisch er sie fand. Als sie ihm die Spritze in die Bandscheibe stach, schrie er auf, und sie meinte: ich bin doch ganz zärtlich. Aaaaaaaaaah. Ja.
Auf jeden Fall war das der schönste Augenblick der Tages gewesen, als sie da saß mit ihrem freundlich lächelnden Gesicht, fragte, zuhörte, schwieg.

Das Haus Nr. 19
Manchmal mußte Friedrich Meyer an seine Kindheit zurückdenken. Sie hatten in einem Mehrfamilienhaus ganz oben unter dem Dach unter den Seemöwen gewohnt. Durch das Treppenhauslicht sah man sie manchmal oben auf Dach herumlaufen. Oder vom 7 Meter-Balkon aus konnte Friedrich sie auf dem Dach stehen und schreien hören. Der Kontakt im Haus war gut. Seine Eltern, sein Bruder Tenner und er waren im ganzen Haus beliebt. Bis auf das Ehepaar Bock im Erdgeschoss links, die mochten wohl keine Kinder. Wenn Herr Bock als Nachtwächter von der Nachtschicht kam, wollte er seine Ruhe und schimpfte mit den Kindern vor dem Hause. Aber die alte Frau Niesmann im Parterre rechts war nett, man sah sie fast immer rauchend im Fenster oder auf dem Balkon stehen. Mit ihrer Enkelin hatte sich Friedrich eine Zeitlang angefreundet. Im ersten Stock links wohnte Frau Merkel mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Mit Frau Merkel hatten Friedrichs Eltern Kontakt und ab und zu half Friedrichs Vater dort mal, wenn die Tür ins Schloss gefallen war. Ach, Herr Meyer können sie nicht mal eben meine Wohnungstür öffnen, ich stehe vor der Tür und komme nicht rein. Friedrichs Vater meinte dann: Sie wissen doch Frau Merkel, ich darf das nicht, ging in den Keller und holte seine Dietriche.
Im 1. Stock rechts wohnte das ältere Ehepaar Urspruch. Herr Urspruch war Ingenieur und fuhr zur See. Frau Urspruch war Kettenraucherin, wenn sie morgens auf dem Clo gewesen war, stank es bis in den 4. Stock, wenn Friedrich grade aus dem Kinderzimmer schaute. Sonst waren die beide nett. Frau Urspruch kam immer mal zu Meyers, qualmte eine mit Friedrichs Vater, jammerte und war nett. Und mit Herrn Urspruch traf sich Vater Meyer im Keller.
Im II. Stock links wohnte Frau Knape mit ihrem Freund, dem Uhrmacher und Arno ihrem Sohn, Friedrichs besonderem Freund. Frau Knape war nett und kam öfters zu Meyers zu Besuch. Wenn jemand im Haus die Wohungstür zufallen ließ, stieg Arno übers Malergerüst auf den Balko und von dort in die Wohnung und half. Arno, Friedrich und andere Kinder bauten im Winter gigantische Schneehütten wie in der Antarktis, eine neben der anderen mit Verbindungskanälen. Arno ging leider irgendwann in die USA und Friedrich war traurig. Der Uhrmacherr sammelte Schlangen in Flaschen mit Spiritus. Irgendwann als Friedrich an der Tür klingelte hatte der Uhrmacher eine Alkoholfahne und die Schlangen lagen auf dem Trockenen.
Im III. Stock wohnte Frau Tenne mit ihren beiden großen Söhnen. Frau Tenne war Witwe und arbeitete im Hafen. Im III. Stock rechts wohnte das ältere Ehepaar Ficke. In Friedrichs Erinnerung stand Herr Ficke unter ihnen auf dem großen Balkon und rauchte dicke Zigarren.
Im 4. Stock links wohnten Ufermann. Er war lang und dünn und hatte nichts zu sagen und sie war klein und dick.
Und Friedrich erinnerte sich, dass er eine Zeitlang Holzclogs hatte mit denen er dann im Treppenhaus immer mehrer Stufen nehmend nach unten lief. Es mußte in seiner Erinnerung schrecklichen Krach gemacht haben. Er hatte es eben eilig. Seine Mutter stand im Clofenster und schimpfte. Von den Hausnachbarn sagte niemand jemand was.
Friedrich dachte gerne an das Haus Nr. 19 zurück. Nur wenn er abends in der Dunkelheit in den Keller geschickt wurde um Kohlen oder Kartoffeln zu holen, hatte er schreckliche Angst vor dem Keller und Angst, dass nach 3 Minuten auf dem Rückweg nach oben plötzlich das Licht ausging und die Geister kamen.
Manchmal, wenn er seine alten Eltern dachte, glaubte er, dass sie immer noch in Nummer 19 wohnten, während sie doch schon seit Jahren umgezogen waren.
Das Heizungsventil
Friedrich Meyer kam brastig aus Osterholz-Tenever zurück. Dort war die Gewoba dabei einen weiteren Wohnblock rückzubauen und sein Klient, der Seemann, war davon auch betroffen. Zum 1.8. sollte der Seemann umziehen und das wollte Meyer an diesem Tag mit Frau Straatmann und dem Seemann besprechen.
Schon vor der Haustür konnte man merkwürdige Utensilien wie einen kleinen Weihnachtsbaum im Schlafzimmerfenster stehen sehen. Bei Betreten der Wohnung war es ziemlich dunkel und es roch unangenehm. Im Wohnzimmer saß der Seemann zwischen seinen hunderten von Puppen und Tieren, auch der Tisch war damit und anderen Dingen aus dem Sperrmüll übersät. Die Vorhänge waren zugezogen, es war sehr warm im Wohnzimmer, weil die Heizung auf Volldampf heizte. Draußen schien die Sonne und es waren Temperaturen im Schatten bis +16°C. Der Seemann hatte das Heizungsventil von der Wohnzimmerheizung abgebaut.
Friedrich Meyer wußte, dass die Wohnung für Seemann zu groß und zu teuer war und das Sozialamt bereits einen Umzug in eine günstigere Wohnung angemahnt hatte. Die Heizkosten waren überdimensional hoch. Um dem Seemann den Verbleib in seiner jetzigen Wohnung zu vermöglichen hatte er dem Sozialamt geschrieben, der Seemann wäre so verwirrt, dass er seine neue Wohnung nicht wiederfinden würde und hatte im Wohnzimmer ein spezielles Sparheizventil für 80€ einbauen lassen.
Bei seinem letzten Hausbesuch hatte Meyer dem Seemann die klare Anweisung gegeben, nicht dauern die Fenster offen stehen zu lassen und sparsam zu heizen. Sonst müsse er hier raus oder ins Heim.
Der Seemann hatte von all dem nichts verstanden. Stattdessen hatte er das Heizventil abgebaut und heizte was das Zeugs hielt.
Frau Straatmann machte Meyer darauf aufmerksam, dass im Schlafzimmer noch der Weihnachtsbaum herum lag. Hier war täglich ein Pflegedienst im Einsatz, warum meldete sich die Hauspflegerin nicht, wegen dem Heizventil und dem Weihnachtsbaum.
Meyer riss der Geduldsfaden, er sagte dem Seemann, dass er ins Heim müsse. So gehe das nicht. Kein Umzug in einen neuen Wohnblock, sondern Umzug in ein Heim.
Ja, sagte die Dame von der Gewoba, zum 1.7. müssen sie hier ausziehen.
Meyer schlug vor, dass die Gewoba dem Seemann die Kündigung schicken sollte, das würde alles einfacher machen.
Draußen vor der Tür erzählte Frau Straatmann Herrn Meyer, dass der Seemann schon öfters in der Nähe herum geirrt sei und sein Wohnung nicht mehr wiedergefunden hatte.
Meyer nahm sich vor am nächsten Tag mit dem Kollegen vom Sozialpsychiatrischen Dienst wegen eines Hausbesuchs zu telefonieren.
Nach dem Meyer zwei Tage über die Sache geschlafen und mit Kollegen gesprochen und telefoniert hatte, wurde ihm immer mehr klar, dass er den Seemann nicht zwingen konnte ins Heim zu gehen. Auch die Wohnungsgesellschaft sah keinen Grund für eine Kündigung. Es mache in der Öffentlichkeit keinen guten Eindruck, wenn man kurz vor dem Abriss einem Mieter kündige. Recht hatte der Mann. Nur was sollte Meyer nun mit seinem Seemann machen, ihn weiter verwahrlosen und müllen lassen?
Einige Monate später wurde der Seemann von seinem netten Hausarzt wegen Wasser in den Beinen in ein normales Krankenhaus eingewiesen. Aufgrund seiner Demenz wurde der Seemann renitent und man verlegte ihn nach Absprache mit Meyer in die Psychiatrie. In der Psychiatrie der Seemann aus dem Bett- er konnte nicht mehr gehen. Seine Niereninsuffizienz hatte derart dramatische Ausmaße angenommen, dass er auf die Intensivstation verlegt wurde. Dort lag der Seemann an Kabeln und Schläuche und sollte alles ruhig über sich ergehen lassen. Seemann verstand nicht was los war, jahrzehnte langer Alkoholmissbrauch hatte sein Gehirrn abgebaut, er riss die Kabel und Schläuche los. Man fixierte ihn.
Friedrich Meyer wurde in die Psychiatrie gerufen und der Stationsarzt schlug ihm eine Verlegung ins Altenpflegeheim vor. Meyer versprach Prüfung und fuhr auf die Intensivstation. Dort traf er den Seemann im Bett sitzend. Seemann erkannte Meyer, war aber ansonsten ziemlich verwirrt.
Friedrich Meyer sagte zu seinem Klienten: Herr Seemann ich kann sie so nicht nach Hause lassen, ich organisiere Kurzzeitpflege für sie. Ja, meinte der Seeman, es habe ihm Zuhause zuletzt nicht mehr gefallen.
Am gleichen Tag wurde der Seemann auf eine internistische Station verlegt. Am Nachmittag noch rief der Stationsarzt Dr. Turku an und bat um eine Fixierungsgenehmigung. Seeman sei hochaggressiv und unruhig. Meyer bejahte und faxte und stellte Antrag beim Gericht.
Am nächsten Tag besuchte Meyer zusammen mit einer Kollegin aus einem Pflegeheim in Ganderkese Seemann im Krankenhaus.
Die Schwestern berichteten, dass Seemann nun stuhl - und harninkontinent sei. In der Tat hatte man Seemann einen Katheder gelegt. Seemann lag dort hilflos in seinem Bett, fixiert, sediert und an Schläuche angeschlossen.
Seine Kollegin Frau Lustig aus Ganderkese meinte nur: ob der in dieser fixierten Lage wieder gesunden kann?
Friedrich Meyer war nachdenklich und fand es unwürdig wie man Seemann hier behandelt, aber er selbst hatte ja diese Fixierungsnehmigung unterschrieben.
Bolton Wiggers
Die Firma Schramm hatte Friedrich Meyer gesagt, sie könne die Wohnung in der Otto-Brenner-Straße nicht vom Pilz befreien, zuerst müsse der Wasserschaden im 18. Stock beseitigt werden und das sei Vermietersache. Also fuhr Meyer zusammen mit dem Wohnungseigentümer Herrn Grinso in den 17. Stock um die Wohnung des Klienten zu inspizieren. Dabei stellte sich heraus, dass Bolton Wiggers die Lüftungslöcher sowohl in der Küche als auch im Badezimmer verstopft und überstrichen hatte. Hier konnte keine Feuchtigkeit abziehen und genau hier sammelten sich Feuchtigkeit und Schimmelpilz. Bolton Wiggers hatte auch neben den neuen Doppelglasfenstern feuchte Stellen und Schimmelbefall. Meyers Vorhaltungen regelmäßig morgens und abends alle Fenster aufzusperren und die Wohnungstür und zu lüften, verstand Bolton Wiggers nicht wirklich. Als alter Seemann, der sich früher mal eine Syphilis geholt hatte, war er geistig wegen dieser Krankheit und einem Schlaganfall beeinträchtigt und mußte genommen werden wie er war. Meyer wollte in der kommenden Woche mit Pflegedienst sprechen. Von Wasserschaden aus dem oberen Geschoss konnte jedenfalls keine Rede sein.
Bolton Wiggers hatte nicht oder nur ungenügend gelüftet. Wenn der das Fenster zur Straße öffnete, schlug ihm der Verkehrskrach entgegen, also schloss er das Fenster bald wieder.
Else Klink
Am Morgen war Friedrich zu Fuß in Schwachhausen unterwegs gewesen. Es war ein sonniger und warmer Frühlingstag an dem am Straßenrand alles bunt blühte und grünte. Meyer hatte seine frühere Frisösin Katja besucht, die hatte wie immer viel zu erzählen gehabt, und auf dem Rückweg traf er vor dem Haus Nr. 19 seine ältere Freundin, Else Klink. Frau Klink ging nach einer zweiten Krebsoperation am Stock, aber sie war immer noch vital, strahlte freundlich mit ihren 82 Jahren und erzählte munter drauf los. Else Klink war bei Freunden in Düsseldorf und München gewesen trotz ihres Rheumas, trotz ihrer körperlichen Schwäche, und sie meinte zu Meyer: ich merke, dass ich abbaue. Else Klink war früher selbständig gewesen, hatte in Kaufhäusern Lehrlinge ausgebildet und sich so nach oben gearbeitet. Sie war sie in ganz Deutschland durch Versetzungen herum gekommen. Ja, sagte sie im Mai muss ich nochmal nach Wupperthal zu einem Geburtstag. Friedrich Meyer bewunderte Else Klink, die auch kein Problem damit hatte zuzugeben, dass sie im III. Reich in der Hitlerjugend begeistert mitgemacht hatte. Ja, sie hätte im familiären Umfeld auch Juden gehabt, aber das habe sie nicht gewußt. Meyer meinte zu Frau Klink, sie müsse sich ihm gegenüber nicht rechtfertigen.
Nein, nein das wollte sie auch gar nicht. Tat es aber doch.
Else Klink war in jüngeren Jahren Leistungsschwimmerin gewesen und hatte noch bis ins hohe Alter jeden Morgen in einem Schwimmbad in der Nähe morgens ihre Runden gedreht.
Wenn Meyer Frau Klink hin und wieder mal traf, hatte sie ihm von ihrer großen Familie, ihren Töchtern und ihren vielen Freunden erzählt. Nur mit ihrem Mann hatte sie kein Glück gehabt. Ein Verwandter von ihr aus Lilienthal war sehr lieb zu ihr, und fuhr sie mit seinem Wagen in der Gegend herum.
Zwei Geschwister waren in die USA ausgewandert.
Aber Else Klink lebte weiter.
Camping
Am Morgen traute sich Friedrich bei seiner Kollegin Guddy rein zu schneien. Sie erzählte, dass sie am Wochenende mit ihrem Freund zusammen in Grömitz an der Ostsee gewesen waren. Sie hatten dort den 6,5 Meter langen Wohnwagen stationiert. Das war richtige Kraftarbeit gewesen, weil seine Kollegin mußte den großen Geländewagen mit einem 6,5m langen Wohnwagen steuern und das vier Stunden lang. Dann hatte sie für die Saison 1.200€ Mietkosten hinlegen müssen, dazu noch 1.200€ für ein neues Zelt und weitere über 1000€ für die Pflaster des Platzes, damit die Kaninchen nicht kommen. Friedrich Meyer rollte mit den Augen. Und, meinte Friedrich, mit Blick auf die Ostsee oder? Nein, der Campingplatz lag hinter einer Düne und dann kam der Strand 20m breit. Ja, meinte Guddy nicht so ein schöner Strand wie in St. Peter-Ording.
Trotzdem konnte Meyer dieser Idee übers verlängerte Wochenende an die Ostsee zu fahren un dort im autarken Wohnwagen Urlaub zu machen eine ganz Menge abgewinnen. 4 Stunden Ostsee.
Friedrich Meyer hatte als Junge mit seiner Familie Jahr für Jahr an der Weser auf einer Insel Champing gemacht und verband damit seine schönsten Kindheitserinnerungen.
Als Friedrich Meyer am Abend mit seiner Frau zusammen saß in ihrem alten Bremer Haus, dachte er nach. Er mußte ein wenig traurig an den kleinen Berliner Eisbären namens Knut denken, der grade seinen ersten Backenzahn bekam, und dem es nicht gut ging. Mit Knut fühlte Meyer mit. Aber nicht mit dem Ministerpräsidenten Oetinger, der sich hingestellt hatte und das ehemalige SA- und NSDAP-Mitglied Filbinger, der noch in den letzten Tagen des deutschen Hitlerismus an Todesurteilen beteiligt gewesen war, als Widerstandskämpfer verkaufen wollte. Ja, dachte Friedrich Meyer, da hat wieder eine die Revisionismusdebatte eröffnet und verloren. Meyer wollte, dass Oetinger zurück trat.
In der Zwischenzeit war die Diskussion in Meyers Kopf um seine nächste Uhr weiter gegangen. Nach langem hin und her hatte Meyer sich von den Fliegeruhren der Firmen Stowa und Archimede verabschiedet und sich nun entgültig für eine Hamilton Khaki entschieden. Automatik natürlich. Der Nachbau einer legendären US-Army-Uhr.
In der Nähe von Osterholz-Tenever betreute Meyer als Case-Manager eine 93jährige Dame in einem Altenpflegeheim. Vor zwei Wochen hatte der Pfleger angerufen und mitgeteilt, Frau Lieblich habe sich verschlechtert, sie sei stark dement und sei schon ein paar Mal gefallen, sie brauchten eine Genehmigung für das Hochstellen der Bettgitter. Nach einem Heimbesuch und einem Telefonat mit dem Arzt beantragte Meyer eine solche Genehmigung beim Gericht.
Zwei Wochen später rief ihn der Hausarzt an und teilte mit, dass Frau Lieblich ein paar Mal erbrochen habe, wenig esse und trinke, ob Meyer wünsche, dass eine PEG-Sone gelegt würde. Nach Rücksprache mit dem Heim verneinte Meyer dies.
OTE
Friedrich Meyer wohnte erst seit kurzem wieder in Bremen. Er hatte in der ersten Zeit die neuen Realitäten in Osterholz-Tenever ignoriert. Auf einer Teamsitzung seines Vereins wurde ihm klar gemacht, dass OTE im Jahr 1967 geplant wurde für 4.600Wohnungen. Häuser mit bis zu 22 Stockwerken. 1972-1977 wurde an Klein-Manhattan gebaut. Und schon bald begann die Abneigung und die Ghettoisierung. In den 90er Jahren erwarb der Hannoveraner Lothar Krause 53% des Wohnungsbestandes also 1416 Wohnungen. 1996 ging Krause in Insolvenz und damit begann die Talfahrt dieser Wohnungen und Häuser bis hin zum Leerstand. Osterholz-Tenever beherbergte knapp 12.000 Einwohner davon geschätzt 66% Migranten aus 70 Ländern.
Wie Meyer in der Presse nach lesen konnte, ging der Umbau OTEs voran. Einige Häuser wie den Kessler-Block hatte man rückgebaut, andere saniert.
Friedrich Meyer konnte sich mit dieser neuen Realität, die auch seine Arbeit betraf noch nicht wirklich anfreunden.
An einem Sonntag Nachmittag waren Friedrich und Meta Meyer in OTE unterwegs. Sicherlich man konnte von weitem mehr Farbe erkennen, mehr freundliche Äußerlichkeiten. Meyers Frau weigerte sich aus dem Auto aussteigen. Das Viertel und die Menschen auf der Straße machten ihr offensichtlich Angst. Als Friedrich Meyer aus dem Auto ausstieg, fühlte er sich unwohl, beklommen, geängstigt, angespannt. Es waren nicht nur diese Hochhäuser mit 20 Stockwerken, die vielen Leerstände, die vielen Ausländer auf der Straße, es war etwas dass man nicht fassen und beschreiben konnte. Es war eine Mischung aus Leere, Langeweile und undefinierbarer unfassbarer Armut. Sie gingen ein paar hundert Meter zu Fuß, und Meyer machte verstohlen ein paar Fotos. Meyer hatte das Gefühl, dass ihn die riesigen Wohnquartiere erschlugen. Wie Bert Brecht einmal geschrieben hatte:
Man kann jemand auch mit einer Wohnung erschlagen.
Friedrich Meyer hatte Besuch von "Queen"
Es war dieses unglaubliche und unfassbare passiert: Friedrich Meyer hatte Besuch von Queen. Queen lebte.
Bloch stellte sich aufs Dach seines Hauses, holte die E-Gitarre von Brian May heraus und begann zu singen:
We will rock you!!!!!!!!
Don`t stop me now!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Freddy war auferstanden aus Ruinen!!!
Any body find me.... somebody love....
Neben ihm auf dem Dach des Hauses standen sie... seine legendären Freunde:
Queen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Da liefen die Tränen...
Hey boy...
Ja, ja Bloch und Queen sangen zusammen auf dem Dach des Hauses Nr. Freddy Mercury, Brian May und Roger Taylor..
Huhu
Hash haha
domm domm
Bei Meyer brachen nun alle Dämme... nichts hielt ihn mehr...
Buddy...
domm domm
We will rock you, we will rock you...
und dannnnnnnnnnn diese gottverdammte Bassgitarre von Brian May.......................raouuuuuuuuh
time after time....
Das Telefon klingelte und holte ihn in die Gegenwart zurück. Es war seine Mutter. Sie teilte mit, dass sein Vater seit zwei Tagen von seinem Arzt wegen der Schmerzen im Brustbereich Morphium verschrieben bekam. Nun sind die Schmerzen weg, sagte seine Mutter. Ja, das kann ich mir vorstellen, meinte Meyer. Friedrich Meyer begleitete die Krebserkrankung seines Vaters seit drei Jahren. Die Ärzte hatten gesagt, das Krebsgeschwulst im Bronchialbereich sei verschwunden. Allerdings musste die letzte Chemotherapie abgesetzt werden, weil er Nebenwirkungen hatte. Sein Vater hatte nur eine Hand und diese war dick angeschwollen und hatte ihn zur völligen Hilflosigkeit verdammt. Daraufhin hatte man die Therapie abgebrochen.
Bloch fragte sich, ob nun alles wieder von vorne begann. Lebte der Krebs weiter? Angeblich sollten die Brustschmerzen von nicht verheilten Narben kommen. Aber sagten die Ärzte seinem Vater die Wahrheit? Wollte sein Vater mit 82 Jahren noch die Wahrheit hören?
War es nicht so, dass Morphium nur im Endstadium gegeben wurde, wenn nichts anderes mehr half? Was war passiert?
Don`t stop me now, sangen seine Freunde von "Queen", aber wohin ging die Reise?
The show must go on... sagte sich Meyer und hatte ein trauriges Gefühl gemischt mit Ungewissheit und Angst.

Muttertag
An diesem Morgen rief Friedrichs Mutter an. Sie teilte mit, dass sein Vater über Nacht keine Luft mehr bekommen habe, und ins Krankenhaus gehe. Vor ein paar Tagen erst war die bestürzende Nachricht gekommen: Beim CT wurden wieder Metastasen im Bronchialbereich gefunden.
Wie hatte Funny zu Friedrich gesagt: sieh das positiv. Funny mochte Recht haben, aber Meyer hatte einfach nur Angst, dass es dieses wirklich Ernst sein könnte. Im Nachbarhaus war vor ein paar Tagen eine Frau verstorben mit der Meyer einen guten Draht hatte und plötzlich mitten aus dem Leben gerissen wurde. Meyer konnte es nicht glauben.
Beim letzten Mal hatten die Ärzte die ambulante Chemo bei seinem Vater abbrechen müssen, weil er massive Nebenwirkungen hatte. Seine einzige rechte Hand war stark geschwollen gewesen und er völlig hilflos.
Würden die Ärzte die Chemo im Krankenhaus fortsetzen können? Gab es einen alternativen Wirkstoff oder mußte sein Vater zwischen dem Tod durch Ersticken und völliger Hilflosgkeit und Pflegebedürftigkeit entscheiden?
Friedrich Meyer konnte nicht helfen. Er war machtlos. Er war nicht dabei. Und er hatte jetzt an seinem Urlaubstag viel Zeit sich Gedanken und Sorgen zu machen. Am Abend wollten sie seine Mutter zusammen mit seinem Bruder und dessen Frau besuchen.
Friedrich hatte noch einmal seine Mutter angerufen und sie gebeten, dass Handy einzustecken, wenn sie aus Hause ging. Ach meinte sie, ich fahre ja nur mit dem Taxi. Vati nimmt das Handy mit ins Krankenhaus damit er mal vom Balkon telefonieren kann.
Auch gut, wenn es ihm Spass macht, dachte Friedrich.
Pfingsten
Meta und Friedrich Meyer waren aus dem Urlaub zurück. Der erste Morgen wieder Zuhause in Bremen in ihrem schönen Haus. An diesem Morgen wollte Friedrich gerade unter die Dusche und danach eine Runde im Bürgerpark laufen, als das Telefon klingelte.
Seine gehbehinderte Mutter war dran und bat ihn zum Hausarzt zu fahren und dort das Rezept für ein Medikament abzuholen. Sein Vater war seit Monaten schwer krebskrank. Im Zusammenhang mit seinem Lungenkrebs bekam er schlecht Luft. Gegen seine Erstickungsanfälle hatte der Arzt ihm nun ein Sauerstoffgerät für Zuhause verschrieben.
Friedrich bekam Panik. Fuhr nach dem Duschen in die Stadt, holte zu Fuß die Rezepte ab, löste das eine in der Apotheke ein, und ging dann zur Krankenkasse um das Sauerstoffgerät genehmigen zu lassen.
Die Sachbearbeiterin meinte, da müsse er erst einen Kostenvoranschlag vom Sanitätshaus bringen. Meyer liefen ungewollt die Tränen herunter und die Dame merkte wohl, dass es ein Notfall war. Im Laufe des Tages sollte noch zum Wochenende eine Firma das Gerät bringen. Er brachte seinem Vater das Medikament, informierte seine Eltern. Dann saß er dabei als sei Vater weinte und nach Luft rang. Meyer fühlte sich bedrückt und hilflos. Es war ihm peinlich seinen Vater so zu erleben.
Als Friedrich Meyer wieder alleine war, ging ihm durch den Kopf was der Arzt am Morgen am Telefon gesagt hatte: es sieht mager mit ihrem Vater aus.
Würde sein Vater über Pfingsten sterben?
Warum grade jetzt, dachte Meyer, wo sein Bruder einen Kurzurlaub in Italien machte.
Am Pfingstmontag telefonierte Meyer mit seiner Mutter.
"Wie gehts", fragte Friedrich.
"Vati gestern den ganzen Tag im Bett gelegen und er kam nicht aus eigener Kraft aus dem Bett. In der vergangenen Nacht hatte er die ganze Nacht das Sauerstoffgerät laufen."
Friedrich erinnerte sich an seinen letzten Besuch bei seinen Eltern, als sein Vater auf dem Sofa gelegen hatte, und nicht aus eigener Kraft in die Senkrechte gekommen war. Am Dienstag nach Pfingsten hatte sein krebskranker Vater einen Chemo-Termin. Wie würde er dahin kommen?
Friedrich Meyer mußte seinen Hausputz und das Treppenhaus machen. Er fragte sich, ob der Krebs doch schon gesiegt hatte, oder...?
Prüfung
Friedrich Meyer machte seit Jahren die Krebserkrankung seines Vaters mit durch. Es wurde besser, es wurde schlechter. Es gab Hoffnung, es ging abwärts. Ein Krankenhaus-Aufenthalt folgte dem nächsten. Eine ambulante Chemo der nächsten.
Die Krebserkrankung seines Vaters ging Friedrich Meyer näher als ihm lieb war.
Er mußte sich immer wieder dazu zwingen Abstand zu nehmen. Oder sich zu sagen: fahr hin und besuche ihn, dann weißt Du Bescheid und mußt Dich keine Sorgen machen. So war es.
Meyer empfand die Situation als Lebenserfahrung, die man durch machen mußte. Sie führte zur Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben.
Als Meyer an diesem Samstag aus dem Klinikum Bremen-Ost wieder kam, wußte er, dass sein Vater zur Zeit wieder gehen konnte und aufrecht sitzen. Aber wielange? War die Spirale nicht bisher eher abwärts gegangen. Sein Vater hatte die letzten Mal vorsichtig über das Sterben gesprochen.
Angst
Friedrich Meyer hatte Angst und fühlte sich angespannt. Brian hatte gegenüber einer Kollegin erklärt, er wolle Meyer nicht mehr als Case-Manager, er sei sauer auf Meyer und werde ihm was in die Fresse hauen.
Meyer wußte nicht, warum Brain sauer auf ihn war.
Bereits zum dritten Mal hatte Brian Kolleginnen gesteckt, er wolle einen anderen Case-Manager, wenn Meyer ihn fragte, was los sei, kam kaum etwas. Brian wollte überhaupt keine Betreuung.
An diesem Morgen war Meyer außer Kontrolle, stand neben sich.
Draußen herrschten 30°C und dann noch dieser Stress. Friedrich Meyer telefonierte mit dem zuständigen Richter und seinem Geschäftsführer. Meyer ließ Brian einen Brief zukommen, er wolle mit ihm reden.
Es war Hochsommer geworden und an manchen Tagen fühlte sich dieser Sommer wirklich wie ein Sommer an. Friedrich und Meta Meyer mußte noch 4 Tage arbeiten, dann ging es ab nach Prag- mit dem Bus- für 5 Tage. Friedrich freute sich sehr. Er hatte seine kleine Canon Ixus schon scharf gestellt. Hatte sich für die richtige Auflösung entschieden, und durch gerechnet, dass er bei M3 knapp 1.000 Fotos schießen konnte- schwarz und weiß. Zur Sicherheit würde er noch eine zweite SD-Card aus seiner Spiegelreflexkamera mitnehmen.
Meta hatte ihm Bildbände und Reiseführer über Prag gezeigt. Gut, dachte er, ich aber möchte mein Prag selbst erleben, spüren und entdecken. Nach Venedig würde dies sein nächstes gigantisches Fotoprojekt werden.
Meyer hatte sich mit Franz Kafka verabredet.
Anankasm
Als Meyer am Montag morgen in den Verein "Sysiphos" kam, hatte er einen Anruf aus dem Klinikum auf dem AB. Frau Dr. Eisenstein hatte angerufen, weil sein Klient Ben Lloyds dort auf der Intensivstation lag. Er war mit Luftnot eingeliefert worden, hatte eine Lungenentzündung, wurde mit Antibiotika behandelt, künstlich beatmet und mit Beruhigungsmitteln in einer Art Wachkoma gehalten. Meyer war am rotieren. Wollte helfen, konnte aber nicht.
Nachmittags erhielt Friedrich Meyer einen Anruf von seiner Schwägerin Chong. Ihr Bruder machte seit einiger Zeit von sich reden. Vor Jahren hatte er seine Frau erschossen, hatte dafür gesessen, war anschließend in neurologischer Behandlung gewesen, aber Chongs Familie war nur sein übermäßiger Alkoholkonsum aufgefallen. Auf Geburtstagen war Chongs Bruder, Anankasm, auffällig. In den letzten Wochen fiel Chong und ihrem Mann, Anankasms Zwanghaftigkeit auf. Er hatte in jeden Zimmer ein Thermometer. Er mußte ständig messen. Nach er einen Kühlschrank gekauft hatte, gab er diesen zurück, weil der Kühlschrank angeblich kaputt war. Auch beim zweiten Kühlschrank das Problem. Anankasm mass die Temperatur im Kühlschrank und stellte fest, dass es nicht kalt wurde. Hätte er einen Tag gewartet, hätte sich das Problem gelöst. Da der Kühlschrank nicht funktionierte, konnte Anankasm auch keine Lebensmittel einkaufen und folglich auch nichts essen. Als Anankasm an diesem Tag seine Schwester Chon im Laden besuchte, hatte er seit einer Woche nichts gegessen und nur Wasser getrunken. Fast jeden Tag stand er vor der Tür seiner Schwester und wußte nicht weiter. Sagte nichts. Gab keine Antwort außer "ich weiß nicht". Chong fühlte sich von ihrem Bruder belästigt, zumal sie ihm nicht helfen konnte.
Chong sagte zu ihrem Bruder:
"Geh zum Arzt."
"Ich kann nicht, ich habe kein Geld und ich habe meine Krankenkassenkarte verlegt."
Hilflos rief sie Meyer an, aber der wußte auch keinen Rat außer zu sagen, schick ihn weg oder droh ihm mit der Polizei.
Die Polizei hielt sich allerdings bedeckt, weil Chong nicht wirklich bedroht wurde.
Fast jeden Tag stand Chong vor ihrer Haustür und versuchte mit seiner Schwester zu reden. Einmal rief sie die Polizei, aber die sagten nur, wenn er sie nicht bedroht hat, können wir nichts tun. Friedrich Meyer riet seiner Schwägerin den Sozialpsychiatrischen Dienst einzuschalten. Am nächsten Tag machte die Sozialarbeiter dort bei Anankasm einen Hausbesuch, kurz darauf wurde der Zwanghafte per PsychKG ins Krankenhaus eingewiesen.
Asozial
An diesem Morgen hatte Friedrich Meyer in seinem Büro von "Sysiphos" in der Otto-Brenner-Allee gesessen und mit einer netten Kollegin vom Sozialamt Bremen telefoniert. Er hatte für einen Klienten wegen einer Kostenzusage für das Betreute Seniorenwohnen zu verhandeln. Die Zusammenarbeit mit Frau Otterbein lief gut, er hatte das Gefühl, dass sie gut verstanden und auch zusammenlachten. Persönlich kannte er Frau Otterbein nicht. Im Laufe des Telefonats kamen sie ins Plaudern. Es ging um das gemeinsame Klientel. Meyer erinnerte sich noch daran, dass er gesagt hatte, wenn er abends nach Hause komme, schaue er gerne mit seiner Frau zusammen Liebesfilme von Rosamunde Pilcher, Uta Danella oder andere Filme der Heilen Welt, er brauche das als Ausgleich zu Armut, Verwahrlosung, und den ganzen Tag Probleme anderer Leute lösen. Darauf erzählte Frau Otterbein, dass sie nach der Arbeit aufs Land fahre, sich auf ihre Hühner freue und Lidl-Märkte meide, wo sie ihre Kunden treffe.
Friedrich Meyer meinte:
"Hühner haben etwas Gemütliches. Sie erinnern mich an meine Kindheit. Auf dem Hof hatte der Vermieter Hühne, das ist eine schöne Kindheitserinnerung für mich."
Es ging weiter um Kindergeld und wem das zustehen, oder ob es die falschen bekämen. Oder ob es besser sei das Geld in Tagesbetreuung zu stecken. Frau Otterbein erzählte von Frauen, die besser keine Kinder bekämen. Und Meyer musste daran denken, dass am Morgen eine jüngere Kollegin gemeint hatte, manche Klientinnen solle man besser zwangssterilisieren.
Friedrich Meyer fand den Ton und die Art befremdet.
Der Pariser
I
n der Mittagszeit klingelte Meyers Handy. Das Büro war dran. Er sollte im Haus Oberland anrufen. Dort angerufen, wurde ihm von der Heimleitung eröffnet, dass ein Klient der Pariser am Vortag zum wiederholten Mann eine Mitarbeiterin des Heimes grundlos geschlagen hatte. Das Heim kündigte ihm fristlos den Heimplatz. Meyer hatte ein Problem, er war geschockt und fühlte sich hilflos. Seit über 13 Jahren wohnte der Pariser dort und nun plötzlich hatte man die Nase voll. Meyer machte noch ein paar persönliche Bemerkungen gegenüber der neuen Heimleiterin und beendete das Gespräch sauer und aufgeregt. Verdammte Scheiße, dachte Meyer, wo soll ich den Hardcore-Fall unterbringen? Drogensucht und Psychose dazu Gewalt gegen Personal, so jemand ließ sich schlecht verkaufen.
Meyer beschloss sich mit seinen Kollegen zu beraten und das Gesundheitsamt einzuschalten.
In der Woche darauf war Meyer damit beschäftigt eine neue Unterbringung für den Pariser zu organisieren. Dazu fand eine Woche später ein Fallgespräch statt mit dem Ergebnis Meyer solle in einem anderen Heim, dem Anderheim, nach einem ausgelagerten Heimplatz fragen. Dort war kein Platz. Der Pariser würde also weiter von einem Pflegedienst seine Pillen gebracht bekommen und die sollten mit ihm einkaufen gehen. Geld was ihm Meyer am 11. September auszahlte, war am 13. September ausgegeben. Das Geld wollte der Pariser zum Gericht bringen um eine Rate für sein Bußgeld zu zahlen. Nun hatte der Pariser schon zwei Raten nicht gezahlt. Irgendwann würde er die Strafe absitzen müssen.
Am Freitag, den 14. September tauchte der Pariser bei Meyer im Büro auf. Das Geld vom Vortag 28€ hatte er schon wieder ausgegeben, wahrscheinlich für Heroin, und wollte den Restbetrag. Meyer sagte Nein. Den Restbetrag könne er am 18. September anlässlich eines Hausbesuchs bekommen. Danach könne er die 25€ zum Gericht bringen oder verbraten.
Der Pariser machte erheblich Druck.
Friedrich Meyer wurde richtig laut auf dem Flur.
Meyer war sich sicher, dass der Pariser wieder spritzte.
Er alarmierte den Pflegedienst, den Amtsarzt und den behandelnden Neurologen.
Meyer fühlte sich unter Druck gesetzt und hatte Angst.
In seinem Kopf spielten Fantasien. Überall sah er den Pariser. Überall lauerte der Pariser auf ihn.
Durch die Hölle
Am Abend telefonierte Friedrich Meyer mit seiner Mutter. Sein Vater lag seit Monaten mit Lungenkrebs im Bett, war nun bettlägerig, konnte nicht mehr zum Clo gehen, war kraftlos, hatte Schmerzen im Rücken und im Brustbereich, und seine Hand-Auge-Koordination versagte seit einigen Tagen. Der Hausarzt hatte am Mittag eine Einweisung für das Krankenhaus da gelassen mit der Begründung, er wolle abklären lassen, woher es komme, dass der Vater mit seiner Hand daneben greife.
Meyer war klar, das eine Einweisung ins Krankenhaus mit der Verlegung ins Pflegeheim enden würde. Ein Leben ging zu Ende. Und es war Abschied angesagt.
Nun konnte er auch kaum noch alleine essen, traktierte seine Frau und wurde renitent. Meyers Mutter litt und ging dabei langsam zu Grunde.
Meyer und sein Bruder waren sich einig, dass Heimunterbringung notwendig war.
Der Weg durch die Hölle begann.
Der Weg durch die Hölle beginnt mit kalter und heißer Dusche.
Friedrich Meyers Vater lag im Sterben und das dauerte. Schlecht gelebt und schlecht gestorben. Manche konnten einfach nicht loslassen.
Friedrich Meyer saß eines Abends mit seiner Frau Maria Zuhause in ihrem schönen alten Bremer Haus. Sie hörte Jazz, es war wohl Keith Jarrett. Meyer war es gelungen Abstand zum Sterben seines Vaters zu finden, sich klar zu machen, dass er die Probleme des Parisers nicht lösen konnte, jedenfalls nicht heute. Es sah so aus, als ob Meyer für den Pariser vielleicht in Rendsburg eine Einrichtung finden würde.
Heute Abend freute sich Friedrich wie ein Kind, dass auf ihrem Konto ein Betrag von 270€ eingegangen war, zurück aus Kanada, und er endlich nach sieben Monaten des Wartens sich die (hoffentlich) richtige Uhr bei Christ in Hamburg bestellen konnte.
Herr Sprachlos
Es mußte schrecklich gewesen sein an jenem Freitag morgen. Herr Sprachlos hatte versucht mit seinem Rollstuhl aus dem 3.Stock in den Fahrstuhl zu gelangen, dabei war er im Fahrstuhleingang hängen geblieben, und umgestürzt. Der Hund hatte das ganze Haus Otto-Brenner-Allee 2 zusammengebellt. Endlich hatte jemand von der Logopädie-Praxis den Pflegedienst und die Polizei gerufen. Als die Polizisten anrückten ließ der kleine Hund die Polizisten nicht an sein Herrchen heran. Er bellte, knurrte und biss die Polizisten. Die Polizisten wollten dem umgestürzten Rollstuhlfahrer helfen, aber das ging nicht. Der lag dort hilflos auf dem Fußboden. Der Hund hatte die ganze Wohnung eingekotet. Endlich gelang es Pflegedienst und Polizei das Herrchen zu retten. Frau Knochen vom Pflegedienst brachte den Hund ins Tierheim und die Polizisten Herrn Sprachlos, der nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen konnte, ins Krankenhaus. Der Terrier jaulte erbärmlich und Herr Sprachlos weinte hemmungslos als sie getrennt wurden.
Der Einsatzleiter schrieb einen Bericht, rief den Sozialarbeiter von Herrn Sprachlos an und faxte seinen Bericht.
Friedrich Meyer kannte die Situation dort vor Ort und hatte eine Heimbesichtigung zusammen mit Herrn Sprachlos in Worphausen für die nächste Woche auf dem Plan. Alles war mit Herrn Sprachlos besprochen. Nun stellte Meyer sofort beim Sozialamt einen Antrag auf Kostenübernahme für den Heimplatz durchschriftlich die zuständige Ärztin vom Sozialdienst.
Am drauf folgenden Montag erklärte sich auch die Ärztin vom Klinikum Ost bereit Herrn Sprachlos nach der Behandlung direkt ins Heim zu verlegen. Meyer telefonierte den halben Morgen mit dem Pflegedienst, der dran erinnerte, dass der Terrier unbedingt mit müsse, mit dem Sozialamt, dem Sozialdienst des Krankenhauses.
Am Nachmittag besuchte Friedrich Meyer Herrn Sprachlos im Klinikum. Der lag im Bett und schlief. Sprachlos schlief tief und fest und schnarchte und hatte dabei die Augen geöffnet.
Auch die Schwester vermochte es nicht Sprachlos zu wecken.
Naja, dachte Meyer, morgen ist auch noch ein Tag. Enttäuscht war er trotzdem.
Am nächsten Morgen besuchte Friedrich Meyer Herrn Sprachlos erneut. Die Stationsärztin teilte mit Sprachlos habe einen zweiten Schlaganfall erlitten. Er könne nicht sprechen und müsse gefüttert werden.
Meyer sprach den Klienten an, der reagierte aber nicht. Sprachlos war nicht nur sprachlos, er nahm auch nichts mehr auf. Sprachlos war nicht mehr ansprechbar.
Etwas zynisch dachte Meyer, die Heimverlegung wird nun kein Problem mehr und den Hund braucht er auch nicht mehr. Traurig irgendwie.
Leonardo da Vinci
Am Abend des 30. Oktober las Friedrich Meyer in seinem Zimmer im 2. Stock Benquestraße 7 im Internet einen Artikel über ein Bild von Leonardo da Vinci, dass in Mailand ausgestellt ist: das letzte Abendmahl. Meyer hatte kein besonderes Verhältnis zu Leonardo und das Abendmahl sagte ihm auch nichts. Aber er saß da und war tief gerührt. Kunstfachleute und Fotografen hatten das 4 x 9m große Wandbild mit einer Digitalkamera und einem Computerprogramm aufgenommen und mit 16,1 Gigapixel ins Internet gestellt. Dort konnte man es sich anschauen, ohne nach Mailand zu fahren. Ganz alleine.
Man konnte zoomen und sich Details und Brüche anschauen.
Daneben war in einem Video zu sehen, wie die Fotografen das Ganze technisch hin bekommen hatten.
Aber war es die Technik?
Es war nicht die Technik. Es war die Erläuterung darüber, dass Millionen von Menschen nach Mailand fuhren um das Abendmahl von Leonardo da Vinci zu sehen. Nur 25 Menschen wurden alle 5 Minuten eingelassen, um das Bild vor weiteren Schäden durch Staub zu schützen.
Dort konnte man das Bild nur von weitem betrachten.
Hier aber hatten ihm die Italiener dieses wertvolle, einmalige Bild ins Arbeitszimmer gestellt und er konnte es nach Belieben Verkleinern oder Vergrößern, konnte es zoomen und die Schäden betrachten, die das Bild im Laufe von über 500 Jahren bekommen hatte.
4 Jahre hatte da Vinci an dem Bild gearbeitet.

Der Marktprediger
Sozialarbeit ist keine einfache Profession. Aber den interessantesten aller seiner Fälle hatte Meyer vor einigen Jahren bekommen. Damals hatte man einen Russen unter Aufsicht gestellt, weil er aufgrund seiner Psychose regelmäßig auf dem Marktplatz religiöse Reden hielt. Die Geschäftsleute und auch die Marktleute fühlten sich bei ihren Geschäften gestört und riefen die Polizei.
Die forderte den Russen auf den Marktplatz zu verlassen. Der aber predigte weiter und ging den Passanten auf den Wecker mit seinem religiösen Wahn. Dann nahm ihn die Polizei auf die Wache mit und nahm ihn in Gewahrsam. Das ging lange Zeit so. Es gab Anzeigen, Gewahrsamnahmen, auch mal eine Einweisung in die Psychiatrie.
Der Russe war im Rahmen des Asylrechts in Bremen und hieß Gorsky. Der erste persönliche Kontakt zwischen dem Fallmanager und Gorsky verlief unbefriedigend. Gorsky fertigte den Sozialamt unten im Hauseingang ab. Weitere Kontakte über Handy blockierte Gorsky, redete psychotisches Zeug und benahm sich ziemlich überheblich.
Meyer hatte es mit diesem Klienten schon aufgegeben, als er erfuhr, dass die Polizei Gorsky im April wegen einer Haftstrafe von drei Monaten aus seiner verwahrlosten Wohnung geholt hatte.
Vom Sozialpsychiatrischen Dienst bekam er Fotos von der Wohnung.
Die Polizisten hatten in ihrem Protokoll vermerkt, dass Gorsky kein Wort mit ihnen gesprochen hatte. Sie vermuteten, dass der Marktprediger ein Schweigegelübde abgelegt hatte.
Auch im Knast schwieg Gorsky.
Anfang Juli bekam Gorsky besucht von einem Richter, aber auch mit dem sprach er kein Wort. Hielt ihm ein Schild hin auf dem stand: ich bin krank.
Am 7. Juli war die Haftstrafe beendet. Gorsky ging in seine Wohnung zurück.
Der Sozialpsychiatrische Dienst versuchte vergebens Kontakt zu Gorsky zu bekommen. Auch Meyer hörte nichts mehr.
Dann überraschend wurde Gorsky von der Polizei Anfang Oktober nach dem PsychKG eingewiesen, da er einen Nachbarn angegriffen hatte. In der Psychiatrie bekam er einen Unterbringungsbeschluss für 6 Wochen. Nun wurde der Russe wegen seiner Psychose behandelt, was ihm gar nicht gefiel. Danach wurde die Unterbringung noch zweimal durch den gesetzlichen Betreuer jeweils um 6 Wochen verlängert.
Während dieser Zeit besuchte Meyer zusammen mit einem Kollegen vom Gesundheitsamt Gorsky immer wieder und versuchte Kontakt zu finden. Tatsächlich ließ sich der schweigende Gorsky auf Gespräche ein und brach sein Schweigegelübde. Post kam auf den Tisch. Man hatte Gorsky seine Wohnung zu Anfang November fristlos gekündigt. Schreiben von Gerichtsvollziehern und Gläubigern kamen auf den Tisch.
Gorsky wurde im Krankenhaus wegen seiner Psychose behandelt, widerwillig wie es schien. Sein Gehabe war des eines Mannes vom Hochadel. Meyer mochte seine Arroganz nicht, die manchmal durchbrach. Andererseits war er von diesem russischen Dickschädel beeindruckt. Jahrelang hatte er seinen religiösen Wahn auf dem Marktplatz ausgetobt. Dann plötzlich hörte man nichts mehr. Er hatte ein Schweigegelübde abgelegt, das er unter den Psychopharmaka und während der Gespräche mit Meyer und seinem Kollegen unterbrach. Mehr als drei Monate wurde Gorsky im Krankenhaus behandelt. Am Tag seiner Entlassung stand die Polizei vor der Tür und nahm ihn zur Ableistung einer dreimonatigen Haftstrafe mit nach Oslebshausen.
Man schrieb den 15. Februar als Gorsky im Knast besuchte.
Die Gefängnisärztin hatte Gorsky haftunfähig geschrieben.



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